Entwicklung

Laufen Lernen ist gar nicht so einfach...

In den ersten Jahren kann man über die rasante Entwicklung der Kinder auf allen Ebenen nur staunen. Gerade geboren, schon hebt das Kind den Kopf, ein Jahr später will es schon loslaufen. Neben der sprachlichen und sozialen Entwicklung steht die motorische Entwicklung gerade in den ersten Jahren ganz im Zentrum und bildet gewissermaßen die Gesamtentwicklung des Kindes ab.

Tatsächlich zeigen neueste Untersuchungen aus der Hirnforschung, dass motorisches Lernen bereits sehr früh in der Schwangerschaft beginnt. Erste Bewegungen wurden schon ab der achten Schwangerschaftswoche nachgewiesen. Nach der Geburt hat das Neugeborene bereits ein Repertoire an Bewegungen, die primär noch weitgehend unwillkürlich sind und in ihrer Ausprägung vor allem genetischen Einflüssen unterliegen. Sehr schnell jedoch beginnt das Kind zu lernen. Es sucht sich aus seinen persönlichen Erfahrungen die effizientesten Bewegungsabläufe heraus und passt sie seinen individuellen Bedürfnissen an. Aus der Neurobiologie weiß man, dass das Gehirn entsprechend Synapsen strukturell organisiert und Verknüpfungen auswählt. Von der Entwicklung dieser ganz basalen motorischen Fähigkeiten ist das Erlernen der späteren, sehr interessensabhängigen Fähigkeiten wie etwa Fußballspielen oder Radfahren abzugrenzen. Hier steht die Übung ganz im Vordergrund und der Erhalt der erworbenen Fähigkeit beansprucht wiederum andere Hirnfunktionen.

Wichtig ist, zu wissen, dass die Bandbreite der motorischen Entwicklung sehr groß ist. Manche Entwicklungsschritte werden ausgelassen und nicht alle Kinder nehmen den gleichen Weg. Anhand des Laufen-Lernens ist dies gut sichtbar: Bis zu 15% aller Kinder krabbeln nie. Sie bevorzugen, auf dem Gesäß vorwärts zu rutschen. Diese Kinder haben für sich entschieden, dass für sie die aufrechte Position zur Vorwärtsbewegung besser passt.

Ihre Kinderärztin wird bei den Vorsorgeuntersuchungen viel Zeit auf die Einschätzung des motorischen Entwicklungsstandes Ihres Kindes verwenden. Für bestimmte Altersgrenzen gibt es motorische Entwicklungsziele, die 90-95% aller Kinder erreichen. Es wird jedoch nicht nur beurteilt, welche Ziele ihr Kind schon erreicht hat, sondern auch wie es bestimmte Aufgaben löst. Und auch hier ist die Bandbreite groß. Beim Laufen sind die ersten Schritte noch sehr unsicher und breitbeinig. Hingefallen wird häufig und Aufstehen will auch gelernt sein. Und bald sind die Kinder so schnell, dass Sie kaum mehr hinterher kommen... 

Herzliche Grüße,

Ihre Kinderärztin Dr. med. Anette Meidert

Mein Kind speichelt so sehr! Ist das noch normal?

Das Sabbern im Kleinkindesalter gehört dazu. Warum ist es dann bei manchen Kindern ausgeprägter als bei anderen? Wo kommt der viele Speichel her?

Die Produktion von Speichel beginnt tatsächlich schon im Mutterleib und hält ein Leben lang an. Bei den Erwachsenen ist dies mindestens ein halber Liter Speichel pro Tag. Wir haben drei Paare von großen Speicheldrüsen (Ohrspeichel-, Unterkiefer- und Zungenspeicheldrüse) sowie zahlreiche kleine Drüsen im Mund- und Rachenbereich. Der Speichel befeuchtet und schützt die Mundschleimhaut und sorgt quasi als „Schmierstoff“ dafür, dass Nahrung gut geschluckt werden kann. Die Regulation der Menge und Zusammensetzung des Speichels erfolgt vegetativ. Wenn wir gutes Essen sehen, oder auch nur daran denken, wird sofort mehr Speichel produziert. Sind wir aufgeregt oder nervös, wie vor einer Prüfung, sorgt der Sympatikus dafür, dass der Mund ganz trocken wird. Die Speichelproduktion wird gedrosselt.

Wird zu wenig Speichel produziert, leiden die Schleimhäute und Zähne. Die Schutzschicht fehlt. Schmecken und Reden wird schwieriger. Darüberhinaus fehlen dann Enzyme, die die Nahrung für die Verdauung vorbereiten.

Fließt sehr viel Speichel aus dem Mund, kann das verschiedene Ursachen haben. Es kann zu viel produziert werden oder der Abtransport des Speichels ist gestört. Das Erlernen von richtigem Schlucken ist Teil der normalen Entwicklung. Wenn diese gestört ist, kommt es oft zu mehr Speichelabfluß aus dem Mund. Viel häufiger sind jedoch vorübergehende Beschwerden im Mund- und Rachenbereich dafür verantwortlich. Wenn Schlucken und Kauen schmerzt, nehmen Kinder eine Schonhaltung ein und lassen den Speichel einfach aus dem Mund fließen. Mund- und Halsentzündungen stehen hier an erster Stelle. Aber auch sehr große Tonsillen, Fremdkörper oder Verbrühungen können zur Beeinträchtigung des normalen Speichelschluckens führen. Daneben gibt es noch eine Reihe anderer, seltener Ursachen für vermehrten Speichelfluß, beispielsweise große Blutschwämme in der Mundhöhle.

Nachts wird übrigens der Speichelfluß gedrosselt. Allerdings sieht es gerade bei Kleinkindern oft anders aus, wenn morgens das Kopfkissen sehr nass ist. Verantwortlich kann der verminderte Muskeltonus im Schlaf sein. Der Mund steht offen und der Speichel läuft einfach heraus. Häufig trägt auch eine behinderte Nasenatmung dazu bei. Vielleicht schnarcht Ihr Kind auch ein bisschen? Ein Infekt oder große Polypen können hier die Auslöser sein. Empfehlenswert ist ein Besuch bei Ihrer Kinderärztin. Eine echte Überproduktion von Speichel ist übrigens eher selten und bedarf sorgfältiger Diagnostik.

In der Regel ist das übermäßige Sabbern bei Kleinkindern Ausdruck der normalen Entwicklung und geht erfreulicherweise vorbei. 

Haben Sie noch Fragen? Ihre Kinderärztin berät Sie gerne.

Herzliche Grüße,

Ihre Kinderärztin Dr. med. Anette Meidert

 

 

Computer, Smartphone, Fernseher-weniger Bildschirmzeit ist gesünder

Kinder und Jugendliche verbringen immer mehr Zeit vor Bildschirmen, in den USA sogar zwischen 7 und 11 Stunden pro Tag.  Und auch unter 2-jährige sitzen schon vor dem Fernseher. Inzwischen gibt es viele Studien zu den gesundheitlichen Auswirkungen dieses Trends:

Kinder und Jugendliche, die viel Zeit vor Bildschirmen verbringen, sind häufig übergewichtig. Das liegt nicht nur an der fehlenden Bewegung, sondern auch direkt am Essen. Untersuchungen zeigen, dass ganz allgemein beim Essen vor dem Bildschirm ungesünder gegessen wird. Es wird weniger Obst und Gemüse verzehrt, dafür mehr stark gezuckerte oder gesalzene Speisen. Möglicherweise trägt dies zusammen mit dem Konsum von Filmen mit schnellen Bildsequenzen auch dazu bei, dass bei betroffenen Kindern die Aufmerksamkeitsfähigkeit verkürzt sein kann. In einer Studie wurde beobachtet, dass der Schulabschluss vor allem bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen gefährdet war, die mindestens ein bis zwei Stunden pro Tag fernsahen.

Auch der Schlaf ist gefährdet, wenn viel Zeit vor dem Bildschirm verbracht wird.

Die Kinder schlafen schlecht ein und die Schlafqualität leidet. Nachtschreck und Alpträume sind besonders bei Kindern, die einen Fernseher im Kinderzimmer haben gehäuft. Aber nicht nur der Fernseher spielt eine Rolle, auch die Handybenutzung nach dem Lichtausschalten führt zu gestörter und kürzerer Nachtruhe. Die Kinder und Jugendlichen sind tagsüber dann vielfach müde. In Studien wurde gezeigt, dass in diesen Fällen die Leistungen vor allem in Mathematik und Lesen schlechter ausfallen.

Aus diesem Anlass wurden von verschiedenen Fachgesellschaften Empfehlungen zu Bildschirmzeiten herausgegeben:

- Kinder unter zwei Jahren sollten keine Zeit vor dem Bildschirm verbringen. Sie können noch nicht zwischen dem echten und dem „Bildschirm“-Leben unterscheiden. Sprachentwicklungsstörungen und Aufmerksamkeitsprobleme können die Folge sein.

- Kinderzimmer sollten generell „Bildschirm“-frei bleiben. Dazu gehört auch das Handy.

- Die Zeit vor Bildschirmen sollte bis zum Vorschulalter höchstens 30 min/Tag betragen. Sie kann dann bis zum Jugendalter ausgeweitet werden, sollte aber auch dann nicht 2 Stunden am Tag überschreiten.

- Kinder und Jugendliche sollten nur altersgerechte Inhalte sehen.

- Die Zeit vor dem Schlafengehen, der Schule oder Kindergarten sollte bildschirmfrei bleiben.

- Spielen Sie mit Ihren Kindern Gesellschaftsspiele und lesen Sie Ihren Kindern sooft wie möglich vor.

Das fördert die Entwicklung, das Sozialverhalten und regt die Phantasie an.

Haben Sie noch Fragen? Ihre Kinderärztin berät Sie gerne.

Herzliche Grüße,

Ihre Kinderärztin Dr. med. Anette Meidert

Mein Baby schreit ständig - ist das noch normal?

Jeder Säugling schreit – und zwar gar nicht so wenig: Im Durchschnitt schreien Säuglinge in den ersten 3 Monaten 2,2 Stunden pro Tag. Die Spitze wird etwa in der 6.-8. Lebenswoche erreicht, danach nimmt die Schreifrequenz wieder ab. Es gibt aber eine große Variabilität bei den Kindern: Manche Säuglinge schreien mehr als andere.

Warum schreien Säuglinge?

Es gibt die ganz normalen Gründe: Das Kind hat Hunger, ist müde oder sucht nach Nähe. Schreien kann aber auch auf Krankheiten hinweisen: Eltern merken dann oft, dass sich das Schreien verändert hat. Sie kommen zur Kinderärztin mit dem Hinweis: Irgendetwas stimmt nicht, das ist nicht das normale Schreien meines Kindes.

Manchmal scheint das Kind aber aus dem Schreien nicht mehr herauszufinden. Wenn sich das öfter wiederholt, kann dies Zeichen einer entwicklungstypischen Unreife sein. Als sogenanntes „exzessives Schreien“ wird definiert, wenn der Säugling schreit und ohne erkennbare Ursache lange Phasen der Unruhe zeigt, die von den Eltern weder verhindert noch wirklich beeinflusst werden können.

Viel ist über die Ursachen von exzessivem Schreien geforscht worden. Die Verdauungsstörungen, die auch zu der Bezeichnung „Dreimonatskoliken“ geführt haben, können zwar eine Rolle spielen, sind aber nur eine mögliche, eher untergeordnete Ursache von ausgeprägtem Schreien. Im Augenblick macht man eine Reifungsproblematik in neuronalen Regelkreisen für das Schreien verantwortlich. Erwähnenswert ist, dass das vermehrte Schreien in den ersten drei Lebensmonaten als weltweites Phänomen über viele Kulturen hinweg besteht.

Was können Sie tun?

In jedem Fall sollten Sie bei ausgeprägtem Schreien Ihre Kinderärztin aufsuchen, um organische Ursachen auszuschließen. Welche Strategien dann bei Ihrem Kind empfohlen sind, wird individuell besprochen werden.

Allgemein empfohlen ist, Reize (Licht, Geräusche, Aktivitäten) zu reduzieren, eine Übermüdung des Kindes möglichst zu vermeiden und den Tag so zu strukturieren, dass der Ablauf für das Kind vorhersehbar wird. Es ist auch günstig, Phasen des Eltern-Kind-Spiels mit Phasen des eigenständigen Spiels abzuwechseln.

Beruhigend ist, dass in über 94% der Fälle das Schreien nach drei Monaten vorbei ist und sich die Kinder völlig normal entwickeln. 

Herzliche Grüße, Ihre Kinderärztin Dr. med. Anette Meidert

Mama, mir schmeck’s nicht!

Wann und wie lernen wir „schmecken“? Die Frage ist nicht einfach zu beantworten.

Wir wissen, dass evolutionsbedingt bei Geburt die Geschmacksvorlieben „süß“ und „herzhaft“ bereits vorhanden sind, um besonders eiweißhaltige und kalorienreiche Nahrung zu erkennen. Auch sauer und bitter erkennt der Säugling und mag es gar nicht. Die Natur hat es so zu seinem Schutz eingerichtet, da diese Lebensmittel potentiell giftig sein könnten. Die Geschmacksrichtung „salzig“  lernt der Säugling im Laufe der ersten Lebensmonate.

Manche Aromastoffe und Geschmackskomponenten der mütterlichen Ernährung, wie zum Beispiel Knoblauch und Karotte, werden schon durch das Fruchtwasser und später durch die Muttermilch an den Nachwuchs weitergeben. Dadurch „kennt“ der Säugling diese „Geschmäcker“ und scheint sie dadurch leichter zu akzeptieren als neue, unbekannte Nahrung. Stillen ist hier der industriell hergestellten Säuglingsmilch überlegen: Die Mutter hat in der Regel mehr Abwechslung im „Geschmacks-Speiseplan“ als die immer gleich hergestellte Säuglingsmilch. Auch für die spätere Ernährung im Kleinkindesalter hat dies möglicherweise einen positiven Effekt. Neueren Untersuchungen zufolge scheinen früher gestillte Kleinkinder eine größere Vielfalt an Nahrungsmitteln und mehr Gemüse zu essen.

Welche Rolle spielt die Beikost?

Kommerziell hergestellt Beikost im Gläschen erfreut sich großer Beliebtheit. Sie wird in Deutschland zu fast 60% für die Ernährung im ersten Lebensjahr bis zur Familienkost verwendet. Ersten Studienergebnissen zufolge essen Kinder, die viel kommerziell hergestellte Beikost erhielten, im Kindergarten und Grundschulalter weniger Gemüse und mehr zuckerhaltige Lebensmittel. Möglicherweise ist dies aber auch Ausdruck der gelernten Ernährungsgewohnheiten in den Familien.

In jedem Falle scheint es günstig zu sein, den Säuglingen eine große Vielfalt in der Ernährung anzubieten. Wenn Sie die Beikost selbst zubereiten, haben Sie mehr Möglichkeiten verschiedene Geschmacksrichtungen zu versuchen. Bei gekaufter Beikost sollte darauf geachtet werden, dass kein Zucker zugesetzt wurde. Und auch hier ist möglichstviel Abwechslung in den Obst- und Gemüsesorten wünschenswert. Guten Appetit!

Haben Sie noch Fragen? Ihre Kinderärztin berät Sie gerne.

Herzliche Grüße,

Ihre Kinderärztin Dr. med. Anette Meidert